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Gedanken eines Pendlers

Jeden Morgen ist es der gleiche Mist. Man fällt im Halbschlaf ins Auto, quält sich zur Arbeit, und nach Feierabend quält man sich dann durch den mittlerweile noch dickeren Verkehr wieder nach Hause. Statistisch gesehen quält man sich noch zweimal im Monat an die Tanke, um dann jedes mal einen Betrag jenseits der 50 Euro dort zu lassen. Und eines Tages merkt man, daß man mit der Gesamtsituation unzufrieden ist.


Immer wieder werde ich von Leuten gefragt, wieso ich mir auch eine Wohnung so weit weg (etwa 28 km einfache Strecke) von meinem Arbeitsplatz suche. Ganz einfach – ich arbeite in einem Kaff. In diesem Kaff möchte ich nicht tot hinter dem Gartenzaun liegen, geschweige denn lebendig wohnen. Ich bin nunmal ein Stadtgewächs, das kommt für mich also definitiv nicht in Frage. Auch die Stadtteile von Frankfurt, die näher dran wären – nein danke. So ziemlich jeder, der mal was von Frankfurt gehört hat, kennt so klangvolle Namen wie Höchst oder Nied. That might be the place to be – but definitely not for me. Nein, das geht ja mal gar nicht.

Heute morgen fahre ich also mal wieder im Halbschlaf an der Tankstelle vorbei, und erblicke den stolzen Preis von (die dritte Nachkommastelle aufgerundet) einem Euro und dreißig Cent für den Liter Diesel. Eine kurze Überschlagsrechnung im Büro zeigt mir, daß ich trotz sparsamer Fahrweise und sparsamen Fahrzeugs (5,5-5,8 Liter Diesel / 100km, je nach Wetterlage) und einem geschätzten Gesamttankumsatz von 90 Litern im Monat schon (nur für den Kraftstoff!) bei 117 Euro bin, die ich jeden Monat verheize.

Schon oft kam in den Debatten, die auch das Argument “zieh näher hin” brachten das Argument “nutz doch den ÖPNV”. Dagegen ist im prinzip nichts einzuwenden – schließlich bin ich neun von 13 Jahren meiner Schulzeit und mein gesamtes Studium bis auf wenige Tage Ausnahme mit dem ÖPNV unterwegs gewesen – während des Studiums sogar täglich die Strecke Frankfurt-Darmstadt und wieder zurück. Es ist also nicht so, daß ich ein Problem damit hätte. Meine bisherigen Argumente dagegen waren eher folgende:

1. Der Preis. Früher hatte man eine günstige Schülermonatskarte, später dann das saugünstige Semesterticket. Ist jetzt nicht mehr, also kostet es richtig Asche. Bei den derzeitigen Spritpreisen ist dieses Argument mittlerweile entkräftet. Die Monatskarte für die benötigte Preisstufe kostet 104,ungerade Euro – ist also schon günstiger, wenn ich den Verschleiß und alle anderen Folgekosten am Auto noch gar nicht mit eingerechnet habe. Okay, völlig aufs Auto verzichten kann und werde ich nicht – aber wenn die Pendelei zur Arbeit wegfällt, brauche ich deutlich weniger als eine Tankfüllung im Monat.

2. Die Fahrzeit. Rein theoretisch kann man die Strecke zwischen meiner Wohnungstür und meinem Parkplatz bei der Arbeit in weniger als einer halben Stunde schaffen. Aber nur Sonntags morgens um halb vier vermute ich mal – ich hab es bisher nicht geschafft. Aufgrund der grenzenlosen Unfähigkeit der Verkehrsplaner in dieser Stadt verlängertquasi wöchentlich. Paradebeispiele der hiesigen Verkehrsplanung könnte ich zahllose nennen – ich beschränke mich aber mal auf ein paar:

- Gleichzeitige Sperrung fast aller wichtigen Ost-West-Verbindungen im Stadtbereich: Das Mainufer in Sachsenhausen ist seit Jahr und Tag wegen Bauarbeiten nur eingeschränkt bis gar nicht nutzbar. Anstatt da erstmal einen Schlußstrich zu ziehen wird im Theatertunnel, der zweiten von drei nah beieinander liegenden Parallelverbindungen eine Baustelle aufgerissen, die zeitwese gar nicht und zeitweise für Fahrzeuge bis zwei Meter Breite befahrbar ist. Die Folge: Alles quält sich das nördliche Mainufer entlang. Und demnächst ist Weihnachtsmarkt, da wird nochmal eine Spur weggenommen.

- Grüne Welle ist ein Fremdwort hier: Ich rede nicht von Ampeln, die mit einem Beschleunigungsprogramm für den ÖPNV ausgestattet sind. Ich rede von langen, geraden Straßen, bei denen querende Fugängerampeln und Einmündungen so synchronisiert sind, daß während man an einer losfährt, die nächste direkt rot wird, an Kreuzungen der (kaum genutzte) Querverkehr ewig lange Grünphasen hat, während die häufiger genutzte Richtung (aufgrund der beschriebenen Engpässe sogar noch stärker genutzte) Meist Grünphasen hat, die für drei oder vier Fahrzeuge reichen. Meine “Lieblingsampel” ist so geschaltet daß man als Linksabbieger (Gegenverkehr gibt es keinen) bei grün sofort wie ein Berserker beschleunigen muß, um die nächste Ampel direkt nach dem Abbiegen noch zu erwischen. Ist man zweiter und der Vordermann kennt die Ampel hat man noch eine Chance – steht man weiter hinten oder hat Ortsunkundige davor – verloren.
Andernorts gibt s eine Ampel, die grundsätzlich auf rot schaltet, wenn sich ein Fahrzeug mit den erlaubten 50 km/h nähert. Fährt mian mit 40 km/h, wie sie nach der Ampel nur noch erlaubt sind, geht’s.
Manchmal habe ich das Gefühl, daß unsere Stadtplaner wollen das Argument “ÖPNV dauert zu lange” damit entkräften, daß man mit dem Auto genauso lange braucht, anstatt den ÖPNV sinnvoll zu beschleunigen.

Vom Rückweg wollen wir gar nicht erst reden – da geht das Gestaue dann richtig los, auch hier wieder falsch gestellte Ampeln, mehrere gesperrte Parallelrouten, immer das gleiche Theater. “Außenrum” über die Autobahn fahren ist nur eine theoretische Alternative, die mehr gefahrenen Kilometer und der damit einhergehende Mehrverbrauch an Kraftstoff stehen zur gesparten Zeit in keinem Verhältnis. (Und wer die A3 vom Frankfurter Kreuz in Richtung Aschaffenburg kennt, weiß, daß die Mision “Zeit sparen” auf diesem Streckenabschnitt einem Russischen Roulette mit einem vollständig geladenen Revolver gleicht. Wenn ich also rechne, daß ich morgens im Schnitt 35 Minuten und nachmittags 50 Minuten brauche, während ich mit dem ÖPNV inclusive Fußwege 55 Minuten brauche, habe ich pro Strecke im Durchschnitt 12,5 Minuten “Verlust”. Dabei nicht eingerechnet, daß ich die ÖPNV-Fahrzeiten sinnvoller nutzen kann als die Autofahrzeiten (morgens schlafen, nachmittags vielleicht was lesen oder schonmal etwas entspannen)

3. Der weitere Fußweg. Bei mir vor der Haustür nimmt es sich fast nichts, wenn ich überlege, wie weit weg ich manchmal parken muß, weil wieder alles zugeparkt ist mit Leuten, die es schaffen mit einem Smart drei Parklücken zu blockieren. Am anderen Ende der Strecke sieht es da schlechter aus – sechs Meter vom Parkplatz bis zur Eingangstür (früh zu fahren um der Rush Hour zu entgehen hat doch nicht nur Nachteile, in aller Regel parke ich näher dran als der Chef) gegen etwa 600 Meter vom nächstgelegenen ÖPNV-Haltepunkt. Gerade bei Herbst- und Witerwetter nicht schön, aber Bewegung an der frischen Luft soll angeblich ja gesund sein – auch wenn ich persönlich finde, daß die Bedeutung von Sauerstoff regelmäßig überbewertet wird. ;-) Von Tageslicht kann ja im Moment keine Rede sein – morgens isses noch aus, und nachmittags meist schon wieder.

4. Schlechte Erfahrungen im ersten Monat. Im ersten Monat meiner Arbeit hatte ich noch mein Semesterticket, welches ja bis Semesterende gültig ist. Wieso also nicht nutzen? Damals hatte ich oft das Problem, daß, gerade auf dem Heimweg, ich fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges am Haltepunkt war, der Zug gerade eben weg war, der darauf folgende (30 Minuten später) ausgefallen ist, und der darauf folgende dann mindestens zehn Minuten zu spät war. Also alles n allem über eine Stunde ziemlich dumm rumgestanden. Leider war das kein Einzelfall, aber vielleicht hat der Betreiber (nicht die DB) das Problem ja mittlerweile in den Griff bekommen. Außerdem hatte ich damals noch morgens einen anderen Ausgangspunkt und nachmittags ein anderes Ziel – läßt sich also auch nicht direkt vergleichen.

Ich denke, ich werde mir für nächste Woche mal eine Wochenkarte holen und es nochmals ausprobieren. Mehr als Schiefgehen kanns ja nicht. ;-) So langsam habe ich nämlich wirklich die Lust verloren, zumal sich das, was ich an meinem Auto “runterschrubbe” mit der Arbeit nicht refinanziert. So lange, wie ich da arbeiten müßte, um genug Geld für ein neues Auto zu sparen wird mein Bock vermutlich nicht durchhalten. Und ein Auto zu finanzieren oder schlimmer noch zu leasen kommt für mich absolut nicht in Frage. Entweder kaufen, bezahlen, besitzen oder die Finger davon lassen.

Ich werde Euch an dieser Stelle auf dem laufenden halten, wie sich das Experiment “Umpendeln” entwickelt.

-Corny

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